Interview mit einer Maschine

Folgende Anekdote soll sich in einem größeren, produzierenden Werk zugetragen haben:
Eines Morgens machte einer der Chefs eine Begehung der Produktionshallen.

Es trieb ihn um. Noch nicht einmal die Anforderungen und Auflagen für die Energiewende, nein, es war der bloße Gedanke: wie verdienen wir mehr Geld? Wie schaut es aus mit unserer Produktivität? Woher weiß ich zuverlässig, ob wir ausgelastet sind, und wie steht es mit unserer Energieeffizienz? Von dem CO2 Footprint ganz zu schweigen.

Mit seiner feinen Anzughose lehnte er sich an eine Maschine und ließ den Blick durch die Halle mit hunderten Maschinen schweifen. Während seine Gedanken rasten, wurde er immer müder. Das alles schien eine unlösbare Aufgabe zu sein. Da hinten, im ältesten Teil der Halle werkelten noch immer die über dreißig Jahre alten Maschinen. In späteren Jahren war die Produktion gewachsen, waren stetig neue Maschinen angeschafft worden, ganze Bearbeitungszentren, manche standen weit voneinander entfernt…wie soll da ein Mensch durchblicken, wann welche Maschine produktiv ist, wann nicht? Und das bei den wenigen Leuten, die aus Kostengründen nur zur Verfügung stehen. Noch dazu ist immer jemand im Krankenstand oder im Urlaub…Er seufzte.

Plötzlich vernahm er eine Stimme.
„Hey, du. Stehst du bequem? Ich bin die Maschine, an die du dich gerade anlehnst. Soll ich dir mal was sagen? Ich kann dir deine Fragen beantworten.“
Der Chef erschrak und prüfte erst einmal, ob seine Hose in Ordnung war.
„Wie gibt es denn so etwas?“ dachte er.
„Nun, ihr denkt immer, wir Maschinen müssten von euch verwaltet werden. Ich sage dir, meine Kolleginnen und ich warten schon lange darauf, dass wir mal mit einem von euch reden können, dass wir mal zu Wort kommen. Wir hätten da viel zu sagen.“

Seine Hose war sauber und adrett wie stets. Das stimmte den Chef milde, und er sagte:
„Gut, dann schieß‘ mal los. Erzähl‘ mir zuerst mal, bist du eigentlich ausgelastet?“
„Na, du bist ja gut,“ schoss die Maschine umgehend zurück, „das ist doch der Knackpunkt.“ Plötzlich klang die Maschine richtig aufgeregt.
„Du siehst ja, dass ich jetzt gerade nichts zu tun habe. Siehst du, oder?“
„Äh, ja…“ stotterte der Chef.
„Wie kannst du denn dann direkt nach Auslastung fragen, hä?“
Der Chef schwieg.
„Müsste ich, um ausgelastet zu sein, dann jetzt nicht produktiv sein?“ fragte die Maschine.
„Sag‘ mal. Ist doch so, oder?“
Der Chef zog die Augenbrauen hoch. Die Maschine wurde ungeduldig.
„Jetzt pass‘ mal genau auf. Ich zeige dir etwas.“

„Was soll das denn sein?“, fragte der Chef angesichts der vielen Striche, die ihm nichts sagten.
Daten, Fakten, ja, aber Striche?
„Das, mein Lieber, ist das Rohsignal des Stroms, den ich ziehe, sobald ich „an“ bin. So sieht das aus. Genau gesagt siehst du hier das Verbrauchsprofil über vierundzwanzig Stunden im Drei-Schichtbetrieb an fünf Tagen. Du denkst, das sieht doch nach ganz guter Auslastung aus. Aber warte, gleich wirst du staunen.“
Der Chef seufzte. Noch war er skeptisch.
Die Maschine wechselte das Bild.

„So, nun schau mal. Das hier ist ein Zoom auf ein paar Stunden eines Tages, denn – wie sagt man – die Musik liegt im Detail.“
„Hier spielt die Musik“ heißt es, dachte der Chef, sagte aber nichts, denn was er nun zu sehen bekam, ließ ihn munter werden.
„Wow, ich sehe neben den grünen Streifen – das sind wohl die produktiven Zeiten – etliche rote. Hast du da geschlafen? Das ist ja heftig.“
„Von wegen geschlafen, schön wär’s. Ich war hellwach, so wie jetzt auch. Und stets bereit loszulegen. Du siehst ja, dass auch nach zehn Uhr die Kühlpumpen liefen. Und dann kam ein anderes Rezept.“
„Halt, halt mal. Woran erkennst du das?
„Warte ab, ich erkläre es dir: in der ersten Graphik siehst du die Rohdaten des Stroms im Sekundentakt. Diese Daten kommen von Messgeräten, weißt‘ schon, die üblichen…“
„Ja, ja,“ unterbrach der Chef eilig, „keine Schleichwerbung, bitte.“
„Na gut, ich sehe, du weißt Bescheid“, fuhr die Maschine fort. „Aber, der Clou ist: ich habe mir zusätzlich ein paar Algorithmen ausgedacht…“
Ungläubig schüttelte der Chef schüttelte den Kopf.
„Doch, hab‘ ich. Denn darüber leite ich meinen Status ab: ich bin produktiv, aus, oder im Stand-by. Und das Ergebnis siehst du im unteren Statusband.“

Um besser zu sehen, beugte sich der Chef näher an die Graphik heran. Er staunte nicht schlecht. Und die Maschine lauerte, ihm noch mehr erklären zu können.

„Heißt das, du bist imstande aus dem Rohsignal – angereichert mit deinen Algorithmen – deinen Status abzuleiten?“
„Du hast es erfasst.“ Es war nicht zu überhören, dass die Maschine stolz auf sich war.
„Und du brauchst keine Info von der SPS?“ fragte der Chef.
„Nö!“
„Ich bin universell. Strom ist meine „Sprache“ und die aller elektrisch angetriebenen Maschinen. Strom ist eine authentische, nicht manipulierbare Datenquelle. Daher passen meine Algorithmen auf alle Maschinen. Jeden Typs, jeden Alters oder Herstellers. Auch auf eure alten Möhren da hinten in der Ecke.“

Das musste der Chef erst einmal verdauen.
„Also, nun glaube es mir: das Stromsignal ist ein universeller Supersensor.“

Wieder seufzte der Chef. Er begann die Dimension zu ahnen, die sich aus dieser Möglichkeit ergab.

„Ich weiß von einer Spinnereimaschine,“ flüsterte die Maschine geheimnisvoll. „Die hatte ein Typenschild drauf „Karl-Marx-Stadt.“ Sie hüstelte süffisant. „Fünfzig Jahre im Dienst, und lief und lief und lief. Muss man schon loben. Aber „dumm“, die wusste nichts über sich. Da wurde meine Methode angebracht, und schwups, konnte sie erzählen. Funktioniert also auch bei solchen Oldies.“

Der Chef wurde immer stiller.
„Ich zeige dir noch etwas. Schau hier: nach der Pause zwischen 10 Uhr und 11:30 Uhr wurde bei mir ein anderes Rezept heruntergeladen.“
„Und woran willst du das nun schon wieder erkennen?“ warf der Chef rasch ein.
„Ganz einfach: am Muster des „Index Activity“. Hier ist es anders als zuvor. Siehst du das?
Der Chef beugte sich noch weiter vor und nickte unmerklich mit dem Kopf. Langsam dämmerte es ihm.
„Es ist etwas höher gelagert als zuvor Aber dazu erzähle ich dir gleich noch etwas.“
„Das ist ja wirklich spannend“, sagte der Chef. „Mach‘ mal weiter. Allmählich bekomme ich eine Ahnung, worauf das hinausläuft. Das ist ja faszinierend!“
„Okay, jetzt gehen wir mal in die Details. Bis du bereit?“

„Was du hier siehst, sind wirklich wertschöpfende Produktionsstunden. Fast alles ist im grünen Bereich. Kleine Unterbrechungen, aber das passt schon.“
„Jo!“, rutschte es dem Chef heraus. „Da geht was. Da schnurrt es so dahin. Und es kommt verkäufliches Produkt heraus.“
Ihm wurde richtig warm.
„Geht das immer so?“
„Nö,“ maulte die Maschine. „Leider nicht. Ich zeige dir mal meine Problemzonen.“

„Oh, ja, sieht aus wie die Flagge von Helgoland.“ Entspannt hatte der Chef direkt Humor.
„Ja, etwas gesprenkelt,“ alberte die Maschine. „Aber mir geht es darum: du siehst die größeren Unterbrechungen. Müssen die sein? Hä?
Und jetzt stehst du hier schon eine ganze Zeit und erlebst, dass ich zwar „an“ bin, jedoch nicht produktiv. Verstehst du jetzt? An sein ist nicht gleich produktiv sein.“
„An-sein“ kostet Geld, dachte die Maschine, „produktiv-sein“ verdient welches.
Sie ließ den Chef aber erst einmal in Ruhe nachdenken.
Schließlich fuhr sie fort:

„Manchmal wird nicht rasch genug nachgeladen. Dann fehlt vielleicht Material, oder was weiß ich. Jemand, der es einfach tut. Und noch was. Das Bearbeitungszentrum kann auch in Pausenzeiten beladen sein und selbständig arbeiten. Wir stehen doch alle bereit. Aber schau, wie häufig die Pausenzeiten für die Produktion ungenutzt bleiben.“

„Sieht so aus, als müsste die Maschine Brotzeit machen,“ warf der Chef kleinlaut ein.
„Nee, nee, nee. Das hättest du wohl gerne, aber ich bin hungrig nach Arbeit und könnte auch in Pausenzeiten werkeln.“

Der Chef grübelte.
„Und was hat es mit der Tabelle auf sich, die du da eingeblendet hast?“
„Ah, die. Diese Tabelle ist für dein Büro gedacht, damit du immer weißt, was Sache ist. Wie hier: In diesen sieben Stunden lag die Produktivität gerade mal bei 55,08% !“

Nachdenklich fuhr der Chef sich durch die Haare.
„Jetzt mal Hand auf’s Herz: wie viel Geld verlierst du – nur du allein – durch diese unbewussten Stillstandszeiten? Ich meine, das ist ja leicht zu ändern. Dazu muss man aber davon Kenntnis haben und Maßnahmen ableiten.“

„Aber hallo, ja! Das kann ich dir auf Euro und Cent genau berechnen. In Echtzeit.“

Es entstand eine Pause. Dann traute sich die Maschine noch hinzuzufügen:
„Du denkst auch daran, dass wir in unproduktiven Zeiten dennoch jede Menge Energie verbrauchen, ja? Hier sind es fast 13 kWh, wie du der Tabelle entnehmen kannst. “

Das war die Keule. Stand doch gerade das Thema Energieeinsparung um dreißig Prozent bei gleichzeitiger Produktivitätssteigerung auf der Agenda.

Der Chef raffte sich auf, hatte viel zu verdauen.
Liebevoll gab der Maschine einen Klaps und sagte:
„Du bist ein Goldstück. Ich danke dir. Darum kümmere ich mich jetzt persönlich, denn das ist blankes Geld. Pure Marge.“
So sieht es aus, dachte die Maschine. Aber schade, dass er jetzt geht, denn ich hätte ihm gerne noch erklärt, wie man meine Methode für Predictive Maintenance nutzen kann. Geht auch. Alles aus der Super-Datenquelle Strom.“

Die Maschine hätte ihm so gerne noch erklärt, wie wichtig es ist, die „Gesundheit“ der Maschinen und einzelnen Aggregate im Auge zu haben, weil das direkt in ihre Produktivität und Energieeffizienz eingeht. Aber sie war sich sicher, dass er wiederkommen würde und sie dann ihre zweite Chance bekäme. War doch easy gelaufen mit dem Chef zu sprechen, dachte sie bei sich. In dem Moment kam tatsächlich ein Auftrag für sie, und sie legte erleichtert los.

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